Home arrow Aktuelles arrow Femurkopfresektion bei einem Tierschutzhund
Femurkopfresektion bei einem Tierschutzhund
Dienstag, 22. Dezember 2009

Vorstellung der Arbeit der Tierphysiotherapeutin Verena Kunz

artikel_kunz_aisha_bild_1Frau Kunz absolvierte ihre Ausbildung zur Tierphysiotherapeutin am FAT und legte 2009 ihre Prüfung vor dem Berufsverband DGTe.V. ab.

 Bei dem Patienten handelt es sich um die bretonischen Vorstehhündin Aisha, die in Spanien geboren und über eine Tierschutzorganisation in eine Familie in Deutschland vermittelt wurde.

 

 

artikel_kunz_aisha_bild_2Hier fiel Aishas humpelnder Gang, die Asymmetrie ihres Körpers und eine Atrophie der Muskulatur an der linken Gliedmaße auf. Im Röntgenbild zeigte sich eine schwere unbehandelt verheilte Fraktur des linken Femurs. Außerdem war eine beginnende Hüftgelenkdysplasie (HD) rechtsseitig zu erkennen.

 

(linker verkürzter Femur, rechtseitige HD)

 

 

Eine HD zeichnet sich aus durch eine Instabilität im Hüftgelenk, bedingt durch eine unzureichende Ausbildung von Femurkopf und Hüftgelenkpfanne, die zu Schmerzen, Schonhaltung, Bewegungseinschränkung, Muskelabbau, Luxation und Arthrose in unterschiedlicher Ausprägung führt.

 

Aisha zeigte anfänglich lediglich ein verändertes Gangbild in Form konsequenter Vermeidung des Trabs, indem sie entweder Schritt oder Galopp ging. Sie hüpfte im Trab mit steifen Hinterbeinen und holte Schwung aus den Vordergliedmaßen. Beim Ausstehen schrie sie gelegentlich auf.

Die Lage spitzte sich zu, als sich Aisha im Spiel mit einem anderen Hund ein Trauma mit nachfolgender Subluxation im vorgeschädigten Hüftgelenk zuzog. Fortan hatte sie ständig Schmerzen und es musste eine Therapie ausgewählt werden.

artikel_kunz_aisha_5Der Tierarzt schlug - nicht zuletzt wegen der angespannten finanziellen Lage der Halterin - eine Femurkopfresektion vor, wobei die Frage im Raum stand, in wie weit der Hund nach der Operation wegen der verkrüppelten kontralateralen Hintergliedmaße überhaupt wieder ans Laufen gebracht werden könnte. Eine physiotherapeutische Behandlung musste zwingend zusätzlich erfolgen.

 

(Zustand nach Femurkopfresektion rechtsseitig)

 

Die Operation erlief erfolgreich und der Tierarzt verordnete, dass Aisha für 10 Wochen nur kurze Spaziergängen an der Leine unternehmen durfte.

 

Die physiotherapeutische Behandlung sollte Magnetfeld, passive Bewegungsübungen, TENS, Massagen, Proriozeptives Training, Körperband und später Isometrische Bewegungsübungen und aktive Bewegungsübungen umfassen.

 

Doch in Anbetracht der besonderen Situation von Tierschutzhunden musste auch bei Aisha die Therapie in großem Maße individuell angepasst werden.

Der Hauptgrund für die Erschwerung der Behandlungssituation lag darin, dass Aisha nach jahrelangem Leben auf der Straße im Gegensatz zu Familienhunden nicht so stark auf ihre neuen Besitzer fixiert und somit auch nicht bereit war, dem Menschen zu liebe Unannehmlichkeiten zu tolerieren.

 

So war eine TENS-Therapie zur Schmerzlinderung nicht möglich, da sie die Elektroden nicht tolerierte. Massagen und passive Bewegung erwiesen sich als äußerst schwierig, da sie keine Berührung am operierten Bein duldete und die muskelschwache verkrüppelte Gliedmaße durch Daraufliegen jedem Zugriff entzog. Isometrische Übungen konnten aufgrund der fehlenden Toleranz nicht durchgeführt werden. Das Körperband war ihr eine Qual und sie bewegte sich damit überhaupt nicht. Im Gehen vermied sie konsequent den Einsatz des operierten Beins und bei Stangenübungen verweigerte sie sich durch Hinlegen. Nur das Magnetfeld nahm sie bereitwillig an.

 

Die Therapieansätze mussten also bis auf das Magnetfeld neu überdacht und die Behandlungsmethoden modifiziert werden.

 

Da Aisha jede Art von organisierter therapeutischer Bewegung sogleich entlarvte, sie aber Spaziergänge jeder Art liebte und sich im Alltag durchaus kooperativ zeigte, musste die Therapie unauffällig in die Spaziergänge bzw. das tägliche Leben integriert werden.

artikel_kunz_aisha_2_0002Statt der klassischen Isometrischen Übungen wurde die Futterschüssel erhöht aufgehängt, so dass sie sich zum Fressen auf die Hinterbeine stellen musste. Während der Spaziergänge wurde akribisch darauf geachtet, dass sie das alte Bewegungsmuster nicht wieder aufnahm. Es wurde auf strikte Leinenführung bei reinen Schrittspaziergängen geachtet. Sobald die Hündin wieder hopste bleib der Leinenführer stehen. Doch erst mit Ende des Leinenzwangs und wiedergewonnener Freude an den Spaziergängen setzte Aisha das operierte Bein spontan wieder ein. Dieses führte nun allerdings durch Muskel- und Bänderschwäche bei jedem Schritt eine Rotationsbewegung aus. So wurde mehrmals täglich für zwei bis drei Minuten ein gummiertes Söckchen über die rechte Pfote gezogen, was zu einer etwas höheren Aktion am operierten Bein und Reduktion der Rotation führte.

Der Bewegungsparcours wurde in die Natur verlegt. Anstatt Kisten, Stufen und Stangen wurden Spazierwege bewusst so ausgewählt, dass der Hund möglichst häufig bergauf gehen und die Hinterbeine belasten musste. Im Wald zwischen Bäumen Slalom zu gehen förderte neben der Koordination die Lastaufnahme und den Muskelaufbau des rechten Beines. Sie wurde zum Hinterausgang ohne Stufen aus dem Haus geführt und über den Treppenaufgang zur Haustier wieder hineingeführt.

 

In dem halben Jahr seit der Operation hat sich gezeigt, wie gut Aisha das linke verkrüppelte Bein benutzen kann. Heute sind die Muskeln der Hintergliedmaße wesentlich besser entwickelt. Sie setzt beide Gliedmaßen ein und läuft in allen drei Gangarten. In schnelleren Gangarten an der Leine kommt es immer häufiger zu Trabsequenzen, was vor dem Eingriff unvorstellbar war. Aisha bekommt keine Schmerzmittel mehr und hat eine Toleranz für Massage und Wärmeanwendungen entwickelt.

 

Der Fall Aisha zeigt in besonderer Deutlichkeit, dass der Physiotherapeut gerade bei der Behandlung von ehemaligen Straßenhunden sowohl die Vita als auch die Psyche des Hundes zu berücksichtigen hat und über Phantasie bezüglich Therapieabwandlungen verfügen muss sowie über die Fähigkeit, den Besitzers zum Durchhalten zu motivieren.

 

Verena Kunz Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können
 
 
 
Aktuelles