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Vorstellung der Arbeit der Tierphysiotherapeutin Verena Kunz
Frau Kunz absolvierte ihre Ausbildung zur Tierphysiotherapeutin am FAT und legte 2009 ihre Prüfung vor dem Berufsverband DGTe.V. ab.
Bei dem Patienten handelt es
sich um die bretonischen Vorstehhündin Aisha, die in Spanien geboren und über
eine Tierschutzorganisation in eine Familie in Deutschland vermittelt wurde.
Hier fiel Aishas humpelnder
Gang, die Asymmetrie ihres Körpers und eine Atrophie der Muskulatur an der
linken Gliedmaße auf. Im Röntgenbild zeigte sich eine schwere unbehandelt
verheilte Fraktur des linken Femurs. Außerdem war eine beginnende
Hüftgelenkdysplasie (HD) rechtsseitig zu erkennen.
(linker verkürzter Femur, rechtseitige HD)
Eine HD zeichnet sich aus
durch eine Instabilität im Hüftgelenk, bedingt durch eine unzureichende
Ausbildung von Femurkopf und Hüftgelenkpfanne, die zu Schmerzen, Schonhaltung,
Bewegungseinschränkung, Muskelabbau, Luxation und Arthrose in unterschiedlicher
Ausprägung führt.
Aisha zeigte anfänglich
lediglich ein verändertes Gangbild in Form konsequenter Vermeidung des Trabs,
indem sie entweder Schritt oder Galopp ging. Sie hüpfte im Trab mit steifen
Hinterbeinen und holte Schwung aus den Vordergliedmaßen. Beim Ausstehen schrie
sie gelegentlich auf.
Die Lage spitzte sich zu,
als sich Aisha im Spiel mit einem anderen Hund ein Trauma mit nachfolgender
Subluxation im vorgeschädigten Hüftgelenk zuzog. Fortan hatte sie ständig
Schmerzen und es musste eine Therapie ausgewählt werden.
Der Tierarzt schlug - nicht
zuletzt wegen der angespannten finanziellen Lage der Halterin - eine
Femurkopfresektion vor, wobei die Frage im Raum stand, in wie weit der Hund
nach der Operation wegen der verkrüppelten kontralateralen Hintergliedmaße
überhaupt wieder ans Laufen gebracht werden könnte. Eine physiotherapeutische
Behandlung musste zwingend zusätzlich erfolgen.
(Zustand nach Femurkopfresektion rechtsseitig)
Die Operation erlief
erfolgreich und der Tierarzt verordnete, dass Aisha für 10 Wochen nur kurze
Spaziergängen an der Leine unternehmen durfte.
Die physiotherapeutische
Behandlung sollte Magnetfeld, passive Bewegungsübungen, TENS, Massagen,
Proriozeptives Training, Körperband und später Isometrische Bewegungsübungen
und aktive Bewegungsübungen umfassen.
Doch in Anbetracht der
besonderen Situation von Tierschutzhunden musste auch bei Aisha die Therapie in
großem Maße individuell angepasst werden.
Der Hauptgrund für die
Erschwerung der Behandlungssituation lag darin, dass Aisha nach jahrelangem
Leben auf der Straße im Gegensatz zu Familienhunden nicht so stark auf ihre
neuen Besitzer fixiert und somit auch nicht bereit war, dem Menschen zu liebe
Unannehmlichkeiten zu tolerieren.
So war eine TENS-Therapie
zur Schmerzlinderung nicht möglich, da sie die Elektroden nicht tolerierte.
Massagen und passive Bewegung erwiesen sich als äußerst schwierig, da sie keine
Berührung am operierten Bein duldete und die muskelschwache verkrüppelte
Gliedmaße durch Daraufliegen jedem Zugriff entzog. Isometrische Übungen konnten
aufgrund der fehlenden Toleranz nicht durchgeführt werden. Das Körperband war
ihr eine Qual und sie bewegte sich damit überhaupt nicht. Im Gehen vermied sie
konsequent den Einsatz des operierten Beins und bei Stangenübungen verweigerte
sie sich durch Hinlegen. Nur das Magnetfeld nahm sie bereitwillig an.
Die Therapieansätze mussten
also bis auf das Magnetfeld neu überdacht und die Behandlungsmethoden
modifiziert werden.
Da Aisha jede Art von
organisierter therapeutischer Bewegung sogleich entlarvte, sie aber
Spaziergänge jeder Art liebte und sich im Alltag durchaus kooperativ zeigte,
musste die Therapie unauffällig in die Spaziergänge bzw. das tägliche Leben
integriert werden.
Statt der klassischen
Isometrischen Übungen wurde die Futterschüssel erhöht aufgehängt, so dass sie
sich zum Fressen auf die Hinterbeine stellen musste. Während der Spaziergänge
wurde akribisch darauf geachtet, dass sie das alte Bewegungsmuster nicht wieder
aufnahm. Es wurde auf strikte Leinenführung bei reinen Schrittspaziergängen geachtet.
Sobald die Hündin wieder hopste bleib der Leinenführer stehen. Doch erst mit
Ende des Leinenzwangs und wiedergewonnener Freude an den Spaziergängen setzte
Aisha das operierte Bein spontan wieder ein. Dieses führte nun allerdings durch
Muskel- und Bänderschwäche bei jedem Schritt eine Rotationsbewegung aus. So
wurde mehrmals täglich für zwei bis drei Minuten ein gummiertes Söckchen über
die rechte Pfote gezogen, was zu einer etwas höheren Aktion am operierten Bein
und Reduktion der Rotation führte.
Der Bewegungsparcours wurde
in die Natur verlegt. Anstatt Kisten, Stufen und Stangen wurden Spazierwege
bewusst so ausgewählt, dass der Hund möglichst häufig bergauf gehen und die
Hinterbeine belasten musste. Im Wald zwischen Bäumen Slalom zu gehen förderte neben
der Koordination die Lastaufnahme und den Muskelaufbau des rechten Beines. Sie
wurde zum Hinterausgang ohne Stufen aus dem Haus geführt und über den
Treppenaufgang zur Haustier wieder hineingeführt.
In dem halben Jahr seit der
Operation hat sich gezeigt, wie gut Aisha das linke verkrüppelte Bein benutzen
kann. Heute sind die Muskeln der Hintergliedmaße wesentlich besser entwickelt.
Sie setzt beide Gliedmaßen ein und läuft in allen drei Gangarten. In
schnelleren Gangarten an der Leine kommt es immer häufiger zu Trabsequenzen,
was vor dem Eingriff unvorstellbar war. Aisha bekommt keine Schmerzmittel mehr
und hat eine Toleranz für Massage und Wärmeanwendungen entwickelt.
Der Fall Aisha zeigt in
besonderer Deutlichkeit, dass der Physiotherapeut gerade bei der Behandlung von
ehemaligen Straßenhunden sowohl die Vita als auch die Psyche des Hundes zu
berücksichtigen hat und über Phantasie bezüglich Therapieabwandlungen verfügen
muss sowie über die Fähigkeit, den Besitzers zum Durchhalten zu motivieren.
Verena
Kunz
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